Montag, 28. April 2014

Der Übergang

In der Rekapitulation der Gespräche und Diskussionen vom AnCap Happening 2014 in Storkow drängt sich mir gerade eine Frage auf: Können die Überlegungen für die Funktionsweise einer anarcho kapitalistischen Gesellschaft, auch auf eine Zeit des Übergangs, von der heutigen Welt in eine anarcho kapitalistische Gesellschaft, angewendet werden?

In den Gesprächen ist implizit und explizit oft das Argument aufgetaucht, dass in einer anarcho kapitalistischen Gesellschaft, in welcher kein Staat mit Geld- und Gewaltmonopol existiert, es unmöglich sei, dass Großkonzerne entstehen oder längere Zeit bestehen könnten. Entsprechend wäre niemand in der Lage Kernkraftwerke zu bauen. Dazu möchte ich zwei Thesen aufstellen, die aus meiner Sicht gegen dieses Annahme sprechen.

Angenommen es gelingt den Staat und die damit verbundenen zentralistischen Ordnungssysteme aufzulösen, dann entsteht zunächst ein Machtvakuum. Konzerne profitieren bei der Umsetzung von Großprojekte, wie die Errichtung von Talsperren und Autobahnen, von den Enteignungsmöglichkeiten des Staates. Grundsätzlich ist der Staat, welcher die Entstehung der Konzerne ermöglicht, auch die einzige Instanz welche sie beschränkt. Fällt der Staat aus dem heutigen Machtgefüge heraus, können dann Gruppierungen wie sie heute in Form von Greenpeace oder Occupy existieren dieses Machtvakuum füllen? Ist es wahrscheinlich und realistisch anzunehmen, dass die verbleibenden Kräfte und Strukturen stark genug sind, um einen globalen Konzern zu beschränken? Vielleicht mag es sein, dass in einer Welt die bereits anarcho kapitalistisch funktioniert, die Entstehung solcher Konzerne ausgeschlossen ist, weil es nicht möglich ist eine juristische Person zu erschaffen, in dessen Namen Handlungen ausgeführt werden, für welche kein Mensch persönlich Verantwortung übernimmt oder gar haftet. Aber da der Übergang, entsprechend dem Nichtaggressionsprinzip, friedlich erfolgen soll, werden die Konzerne nicht zerschlagen und die Eigentumsverhältnisse der Konzerne und ihrer Eigentümer wohl anerkannt werden. Entsprechend werden diese globalisierten Unternehmen nicht aufhören zu existieren.

Meine zweite These kritisiert die Vorstellung, dass in einer etablierten anarcho kapitalistischen Gesellschaft mit kapitalistisch organisierter Wirtschaft, die Entstehung von Großkonzernen ausgeschlossen oder zumindest unwahrscheinlich sei. Sowie die Vorstellung, dass eine dauerhaft werthaltige Währung ein anzustrebendes Ziel sei. Ein Aspekt einer kapitalistischen Wirtschaft ist die Möglichkeit Kapital zu akkumulieren. Daher gehe ich davon aus, dass mindesten eine freiwillige Währung existieren wird, welche das Ziel verfolgt eben diese dauerhafte Wertaufbewahrung zu ermöglichen. Ich möchte Beispiele aus der Geschichte und der Gegenwart herausgreifen, welche ich auch in einer anarcho kapitalistischen Gesellschaft für möglich halte. Ein geschichtliches Beispiel ist die Machtakkumulation der Fugger, welche mit Handel und Geldgeschäften über lange Zeit einen großen Einfluss in Europa ausüben konnten. Als gegenwärtiges Beispiel für die Akkumulation großer persönlicher Kapitalmengen möchte ich Microsoft bzw. die Gates Familie anführen. Bei beiden Beispielen sehe ich den Anteil des Staates als so gering an, dass ich diese Akkumulation auch in einer anarcho kapitalistischen Gesellschaft für möglich halte. Natürlich kann es sein, dass der fehlende Schutz von geistigen Eigentum, in Form von Urheberrecht und Patentrecht, sowie die Abwesenheit von politischen Entscheidungsträgern, in einer anarcho kapitalistischen Gesellschaft, eine solche Kapitalakkumulation verhindern könnten. Mir wäre diese Argumentation allerdings noch zu schwach. Die Behauptung eine solche Machtkonzentration wäre unkritisch für die persönliche Freiheit aller, teile ich ebenfalls nicht.

Insofern stellt sich mir die Frage, ob das kapitalistische Prinzip der unbegrenzten Kapitalakkumulation im Widerspruch steht mit dem Prinzip der Freiheit des Individuums. Mit diesem Artikel möchte ich einen Beitrag leisten, darüber nachzudenken ob und wenn ja, wie, eine kapitalistische Wirtschaft in Verbindung mit dauerhaftem Geld mit der persönlichen Freiheit des Einzelnen verbunden werden kann. Es ist aus meiner Sicht zu berücksichtigen, dass Geldakkumulation auch einer Machtakkumulation entspricht, welche in einer anarchischen und damit freiheitlich und freiwillig organisierten Gesellschaft kein Gegengewicht hat, da es keine Instanz gibt, welche Machtakkumulation unterbindet. Ich will damit nicht propagieren, eine solche Instanz zu erschaffen sondern im Gegenteil sich von dem Gedanken eines ewig werthaltigen Geldes zu lösen und damit dieser Form der Ansammlung von Macht die Basis zu entziehen. Natürlich soll es ohnehin eine Währungskonkurrenz geben, aber genau daher halte ich es für wichtig sich zu überlegen welche Konsequenzen die Verwendung verschiedener Währungen mit sich bringen und welche Wirtschaftsformen mit den Zielen einer anarchistischen Gesellschaft vereinbar sind.

Ich freue mich auf andere Meinungen und Sichtweisen und bin gespannt mit welchen Argumenten meine beiden Thesen entkräftet werden die ich noch einmal kurz zusammenfasse.
  • Konzerne sind bereits vorhanden und werden nicht mit Entstehung einer anarcho kapitalistischen Gesellschaft automatisch verschwinden.
  • Unbegrenzte Kapitalakkumulation ist mit individueller Freiheit nicht vereinbar, da unbegrenzte Machtakkumulation die individuelle Freiheit gefährdet.